Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

 

 

 

 

 

 

 

in der Psychologie gibt es ein Phänomen, das die „Tarnkappen-Illusion“ genannt wird. Erst vor wenigen Wochen ist darüber ein neuer Bericht einer Forschungsgruppe an der Universität Yale erschienen.
Worum geht es dabei? Kurz gesagt: Wir Menschen pflegen andere mit großem Interesse zu mustern. Zugleich aber geben wir uns der Illusion hin, dass wir von den anderen kaum wahrgenommen werden. Diese „Tarnkappen-Illusion“ wurde in der oben genannten Untersuchung einmal mehr in verschiedenen Versuchsreihen nachgewiesen, die unter anderem in einer Uni-Mensa durchgeführt wurden. Dort wurde festgestellt: Selbst dann, wenn sich nur zwei Personen gegenübersaßen, war sich zwar jeder dessen bewusst, dass er den anderen mit großem Interesse beobachtete. Zugleich dachte aber jeder, dass sein Gegenüber ihn selber kaum wirklich wahrnehmen würde.

 

Pf-Goetz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pfarrer Mathias Götz

 

Zweifellos geht es dabei auch um eine Schutzfunktion unserer menschlichen Psyche. Bewahrt uns doch diese „Tarnkappen-Illusion“ nicht zuletzt davor, dass wir uns ständig die Frage stellen, wie wir wohl auf andere wirken und welches Bild wir nach außen hin abgeben. Ohnehin stellt diese Frage in unserer modernen Gesellschaft wahrscheinlich für die meisten Menschen ein mehr oder weniger großes Problem dar. Davon zeugen schon die vielen Varianten, mit denen Menschen ihr Äußeres gestalten. Und gerade auch die Modebranche lebt davon, dass wir Menschen doch offensichtlich das Bedürfnis haben, nach außen hin „gut“ und „attraktiv“ zu
wirken. Denn dass wir so wirken, ist für uns, bewusst oder unbewusst, schon deshalb wichtig, weil von dem, was uns andere über uns signalisieren, auch unser eigenes Selbstbild abhängt, damit aber auch unser Selbstbewusstsein und unser Selbstwertgefühl.
In diesem Zusammenhang ist ein weiteres Ergebnis solcher einschlägiger Untersuchungen über die „Tarnkappen-Illusion“ interessant: Die meisten Menschen haben den Eindruck, dass selbst ihre Freunde und Bekannte sie eben doch nicht so recht verstehen und über sie Bescheid wissen. Umgekehrt aber meint man in aller Regel, selber diese Freunde und Bekannte sehr gut einschätzen und verstehen zu können, viel besser jedenfalls als diese einen selbst.
Nun kann man all diese Ergebnisse damit abtun, dass menschliche Selbstüberschätzung eben weit verbreitet sei. Sie werfen aber doch die Frage auf, inwieweit unser menschliches „Sehen“ und „Wahrnehmen“ zu richtigen Ergebnissen führt.
Dazu findet sich im neuen Testament eine interessante Geschichte. Sie ist aufgeschrieben im 24. Kapitel des Lukasevangeliums. Dort wird berichtet, wie zwei der Jünger Jesu am Ostersonntag unterwegs sind von Jerusalem in das Dorf Emmaus. Sie sind traurig und niedergeschlagen, weil doch Jesus gekreuzigt wurde und tot ist. Da gesellt sich ein fremder Mann zu ihnen und begleitet sie auf dem Weg nach Emmaus. Er fragt, weshalb sie so traurig sind. Und sie erzählen ihm, dass Jesus gekreuzigt wurde, von dem sie sich doch so viel erhofft hatten. Völlig verunsichert seien sie im Hinblick darauf, was sie nun von Jesus halten sollten. Es könnte doch wohl nicht sein, dass der allmächtige Gott es zuließe, dass die Gegner Jesu über ihn triumphieren konnten und ihn beseitigen konnten, wenn er denn wirklich von Gott gekommen wäre. Dazu hätten nun auch noch einige Frauen behauptet, das Grab, in das Jesus gelegt wurde, sei leer, sein Leichnam sei also verschwunden.
Da zeigt der Fremde den beiden auf, dass es schon im Alten Testament vorhergesagt ist, dass der Retter, den Gott den Menschen angekündigt hatte, leiden musste und sterben musste.
In Emmaus angekommen, bitten die beiden den Fremden, dass er doch noch bei ihnen bleiben möge. Als sie sich nun zusammen zum Abendessen an den Tisch setzen, nimmt der Fremde so, wie es unter den Juden damals üblich ist, zuerst das Brot in die Hand und spricht ein Dankgebet. Da ist es den beiden Jüngern plötzlich klar, dass es Jesus selber ist, den sie vor sich haben, dass Jesus also wirklich auferstanden ist von den Toten, dass also sein Leiden und Sterben geschehen ist für uns Menschen, genau so, wie es im Alten Testament angekündigt war.
Zwar ist im gleichen Moment Jesus auch schon wieder vor ihren Augen verschwunden. Und doch ist nun für die beiden Jünger alles anders geworden. Wissen sie doch nun: Jesus lebt. Dadurch, dass er auf dem Weg sichtbar bei ihnen war, wurde ihnen gewissermaßen ein Blick gewährt in die eigentliche und ewige Daseinsweise. Eben: in die Wirklichkeit Gottes, in die am Ende alle aufgenommen werden, die Jesus zum Retter und Erlöser haben.
Die beiden Jünger verstehen: Hinter allem steht der dreieinige Gott. Zwar lässt der durchaus auch Dinge geschehen, die wir Menschen für den Moment nicht verstehen, wie etwa die Kreuzigung Jesu. Aber letztendlich hat doch alles seinen guten Sinn und dient dazu, dass Gottes Menschen gerettet werden. Und mehr noch: auch jetzt schon ist alles, was wir erleben und was uns widerfährt, eingebettet in das Wirken Gottes.
Mit anderen Worten: Was wir Menschen wirklich sehen, das ist nur die vordergründige Wirklichkeit. Umgekehrt aber werden wir immer und überall gesehen und wahrgenommen vom dreieinigen Gott.
In der Apostelgeschichte wird das einmal so ausgedrückt:
 
Fürwahr, Gott ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir. (Apostelgeschichte 17,27+28)
 
 

 

 

Auch wenn wir das nicht immer „sehen“, auch wenn wir wie bei der „Tarnkappe-Illusion“ immer wieder meinen, wir würden nicht beachtet und wahrgenommen, so bleibt es doch dabei: unser Schöpfer und Erlöser kennt jeden unserer Schritte, jedes unserer Worte, jeden unserer Gedanken. Wir sind ihm wichtig.
Und damit ist auch zugleich die Antwort auf eine der wesentlichen Grundfragen unseres Lebens gegeben, nämlich: Wer sind wir Menschen im Kern unseres Wesens? Was macht uns aus? Wer bin gerade ich ganz persönlich? Was bin ich wert?
Die einzig wirklich realistische Antwort darauf hängt nämlich nicht ab davon, ob und wie uns andere Menschen sehen. Sie ist vielmehr unverrückbar und bleibend gegeben durch den allmächtigen Gott selber, der uns schon ins Dasein gerufen hat, und der uns am Ende aufnehmen will in seine Ewigkeit. Und der macht uns deutlich: Du bist gewollt. Du bist geliebt. Nur: nimm diese eigentliche und bleibende Wirklichkeit auch wahr. Mache sie zur Grundlage Deines Lebens. Ergreife sie im lebendigen Glauben für Dich persönlich und sei auf diese Weise, wozu Du von vornherein gemacht bist. Eben: Kind Gottes, in Jesus Christus berufen zum ewigen Leben.
 
Von Herzen wünsche ich uns allen, dass uns diese wohltuende und heilende Wahrheit in dieser Passions- und Osterzeit wieder neu und immer deutlicher ins Bewusstsein tritt und uns so zu freien Menschen macht, in Zeit und Ewigkeit geborgen in der im wahrsten Sinne des Wortes „un-endlichen“ Liebe unseres Gottes.

 

KIRCHE_rot-176-240

 

 

 

 

 

 

Ihr Pfarrer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

.

 

Vorwort

E v a n g e l i s c h e    K i r c h e n g e m e i n d e    N i e f e r n