Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

 

 

 

 

 

 

 

„Halleluja“ - das ist der Titel des wahrscheinlich bekanntesten Liedes des kanadischen Literaten, Songschreibers und Sängers Leonard Cohen. In den letzten Jahren ist dieses „Halleluja“ von Leonard Cohen auch ein fester Bestandteil der abschließenden Abendmahlfeier bei unser „Langen Nacht der Kirche“ gewesen. Und auch sonst ist es in Gottesdiensten mehrfach erklungen.
Nun ist der Künstler am 7. November 2016 überraschend im Alter von 82 Jahren gestorben, friedlich in der Nacht eingeschlafen, wie es heißt, nachdem er kurz zuvor gestürzt war. Dabei hatte der Songwriter noch drei Wochen zuvor ein Album mit neuen Liedern in der Öffentlichkeit vorgestellt.
Mit Leonard Cohen ist zweifellos eine der bemerkenswertesten Persönlichkeiten aus der modernen Musikszene der letzten 50 Jahre abgerufen worden.
Leonard Cohen wurde 1934 in Montreal geboren. Er war Jude. Seine Eltern waren aus Osteuropa nach Kanada ausgewandert. Immer wieder greift er in seinen Liedern biblische Texte auf, vor allem solche aus dem Alten Testament. So ja auch in seinem „Halleluja“, in dem unter anderem von König David die Rede ist. Seine Liedtexte sind oft voller dunkler, mystischer Anspielungen. Immer wieder scheint ein Wissen durch darüber, dass es da die andere, die ewige Realität gibt, einen Gott, auf dessen Wirklichkeit hin wir Menschen geschaffen sind. So sind es nicht zuletzt die beiden großen Themen „Liebe“ und „Tod“, die der Sänger aus Kanada ein ums andere Mal thematisiert.

 

Pf-Goetz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pfarrer Mathias Götz

 

Aber es war nicht nur Cohens oft wunderschöne Musik in ihrer Verbindung mit aussagekräftigen Texten, es war vielmehr vor allem die Persönlichkeit selber, die an Leonard Cohen beeindruckt hat. Selbst wer über die Jahre hin zahlreiche großartige Konzerte der Folk- und Liedermachergrößen der vergangenen 5 Jahrzehnte wie etwa Joan Baez, Judy Collins, Bob Dylan, Kris Kristofferson oder Hannes Wader besucht hat, wird nicht umhin können, den Konzerten von Leonard Cohen einen ganz besonderen Rang einzuräumen.
Gut erinnere ich mich noch an seinen Auftritt im Rahmen seiner letzten Deutschland-Tournee im Juni 2013 in der SAP-Arena in Mannheim. Als Cohen auf der Bühne erschien, erhoben sich die 9.000 Besucherinnen und Besucher in der schon lange ausverkauften Arena und spendeten langanhaltenden Beifall. Leonard Cohen begrüßte die Anwesenden und sagte: „Liebe Freunde, wir wissen nicht, ob wir uns jemals wiedersehen, oder ob es heute das letzte Mal ist, dass wir zusammen sind.“ Dann zog der damals bereits 78-Jährige zusammen mit seiner Band dreieinhalb Stunden lang (!) mit nur einer kurzen Pause dazwischen die Besucherinnen und Besucher in seinen Bann. Bei einzelnen Liedern begleitete er sich nur selber auf der Gitarre. Bei anderen wiederum gab er seinen Musikern Raum für Soloeinlagen, stellte die Instrumentalisten und Begleitsängerinnen einzeln den Anwesenden vor und bedankte sich bei ihnen, indem er jeweils vor jedem einzelnen von ihnen auf die Knie ging und ehrerbietig seinen Hut abnahm.

 Nie hatte man dabei das Gefühl, dass diese Geste nur Gewohnheit war oder gar nur gespielt. Vielmehr kamen dabei immer echte Zuneigung und tiefer Respekt vor der Leistung und vor allem vor dem Leben eines und einer jeden Mitwirkenden zum Ausdruck.
Zum ersten Mal in einem Konzert erlebt hatte ich Leonard Cohen schon im Herbst 1974, damals ebenfalls in Mannheim, allerdings noch im viel kleineren „Rosengarten“. Der Sänger galt damals eher noch als „Geheimtipp“. Schon damals war Cohens Konzert ein beeindruckendes Erlebnis. Und doch war die Tiefe seiner Ausstrahlung 2013, und ebenso schon in Stuttgart 2010, noch einmal eine ganz andere als fast 40 Jahre zuvor. Natürlich sang Cohen auch 2013 einige seiner inzwischen schon geradezu zur Legende gewordenen Lieder wie „Suzanne“, „Bird on the wire“ oder „Lover, lover, lover“. Auch das „Halleluja“ durfte nicht fehlen. Dazu kamen aber auch einige Lieder, die erst in den Jahren zuvor entstanden waren.
Ganz egal, um welches Lied es sich handelte:
Immer schien der Künstler in der Musik und in dem Text zu leben, regelrecht aufzugehen in dem, was er oft mit geschlossenen Augen vortrug. Cohen hatte eine einmalige Ausstrahlung, was auch daran lag, dass man nie den Eindruck hatte, dass er irgendetwas „machte“, sondern dass er bei jedem einzelnen der Lieder sein Innerstes nach außen kehrte und den berührendsten menschlichen Erfahrungen mit seiner Musik Ausdruck verlieh.
Man hätte es wohl manchmal in der riesigen, vollbesetzten Halle hören können, wenn eine Stecknadel zu Boden gefallen wäre, wenn für einen Moment nach den Liedern die Musik verklang.
Dann setzten immer wieder regelrechte Beifallsstürme ein.
Cohens Konzerte zu erleben, war mehr als ein musikalisches Erlebnis, es war eher schon eine mystische Erfahrung, die das innere Auge öffnete für die Dimensionen des menschlichen Daseins, die wirklich zählen, für Liebe und Tod, aber auch für die jenseitige und bleibende Wahrheit, für die Wirklichkeit Gottes.
Wer ab und zu Folk- oder Rockkonzerte besucht, der weiß, dass die Künstler üblicherweise am Ende drei Zugaben geben. Bei Leonard Cohen waren es in Mannheim wie schon drei Jahre zuvor in Stuttgart sieben, auch dies für einen damals schon 78-Jährigen wohl Ausdruck dessen, dass er ganz für sein Publikum da sein wollte und sich selber ganz geben wollte.
Zu dem Blick, den Cohen immer wieder über diese Welt hinaus warf, auch bei seinen Konzerten in Stuttgart und in Mannheim, gehört auch sein „Gebet“, wie Cohens Lied „If it be
Your will“ oft genannt wird. Darin heißt es unter anderem, ins Deutsche übertragen:
„Wenn es Dein Wille ist, dass ich verstumme und meine Stimme schweigt, wie es war, so werde ich verstummen und schweigen bis ich erlöst bin, so Du es willst….
Von diesen Hügeln erklinge aller Lobpreis, wenn Du es willst, dass ich singe….
Wenn es Dein Wille ist, wenn es Deine Wahl ist, dann lass die Flüsse erfüllt sein und die Berge jubilieren, lass Deine Gnade ausgegossen werden auf alle Herzen; wenn es Dein Wille ist, so mache uns gut.
Ziehe uns zu Dir und halte uns fest, alle Deine Kinder hier, im Gewand aus Licht….
Und beende diese Nacht, wenn es Dein Wille ist.“
Zweifellos ist dieses Lied, das zugleich ein Gebet ist, ein ergreifender Ausdruck einer echten Demut vor Gott und Ausdruck dessen, dass wir Menschen in der Hand eines gnädigen Gottes sind, dem wir uns nicht nur im Leben, sondern auch noch im Sterben vertrauensvoll überlassen können. -
Anrührend und zugleich bezeichnend für Leonard Cohen ist auch folgende Geschichte: In den 60er Jahren hatte er, der erst im Alter von über 30 Jahren auf Drängen der Sängerin Judy Collins hin Lieder veröffentlichte und aufzutreten begann, 8 Jahre lang auf einer griechischen Insel mit der Norwegerin Marianne Ihlen und deren Sohn zusammen gelebt. Dann hatten sich die beiden getrennt, blieben aber freunschaftlich verbunden. Zahlreiche Lieder wie „So long, Marianne“ und „That's no way to say good-bye“ handeln von dieser Beziehung, aber auch von der schmerzhaften Trennung. Im Sommer diesen Jahres erhielt Cohen von Freunden von Marianne Ihlen die Nachricht, dass sie im Sterben liege. Sie habe wohl nur noch wenige Tage zu leben. Umgehend schrieb Cohen eine E-mail an sie, in dem es unter anderem heißt:
„Unsere Körper sind alt geworden und ich denke, ich werde dir sehr bald folgen. Wisse, dass ich so nahe hinter dir bin, dass du meine Hand ergreifen kannst, wenn du die deine ausstreckst.
 Du weißt, dass ich dich immer wegen deiner Schönheit und deiner Weisheit geliebt habe. Aber das brauche ich dir nicht zu sagen, weil es dir ohnehin klar ist. Aber nun möchte ich dir eine sehr gute Reise wünschen. Good bye und endlose Liebe. Ich werde dich unten an der Straße sehen.“
Zwei Tage, nachdem sie diesen Brief erhalten hatte, starb Marianne Ihlen.
Es war wohl nicht nur diese Geschichte, die es den kanadischen Sänger hat ahnen lassen, dass er selbst, obgleich offensichtlich noch bei guter Gesundheit, bald aus dieser Welt abgerufen werden würde. Noch im Oktober, als sein neues Album der Öffentlichkeit präsentiert wurde, sagte er, dass er bereit sei für den irdischen Tod. Und in einem seiner neuen Lieder auf diesem Album heißt es ausdrücklich: „Herr, ich bin bereit“. Nun ist der Meister der Mystik und der Melancholie wirklich gegangen.
Leonard Cohen hat eigentlich schon immer, aber ganz besonders in den letzten Jahren seines Lebens, eine Haltung verkörpert, die – bei allen dunklen Seiten und Irrwegen, auch bei aller Schuld und Sünde, die zu einem Menschenleben dazu gehören – letztendlich lebt von der Zuwendung Gottes. Es ist eine Haltung, die bewusst und getröstet zulebt auf diesen Gott, und die damit ein ganzes Stück weit verkörpert, was im Monatsspruch für den Dezember 2016 aus Psalm 130, Vers 6 steht:
 
Meine Seele wartet auf den HERRN mehr als die Wächter auf den Morgen.
 
Leonard Cohen hat aber auch deutlich gemacht, warum Demut vor Gott und Vertrauen auf ihn angemessen sind und möglich sind, selbst noch in Anbetracht des Todes, indem der Sänger zugleich die Wahrheit ergriffen und bezeugt hat, die in diesem 130. Psalm im nachfolgenden Vers 7 benannt wird:
 
Denn bei dem HERRN ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm.
 
Wir gehen in diesen Tagen zu auf das Weihnachtsfest. Das erinnert uns daran: Seitdem mit Jesus Gottes Sohn in unserer Welt war, uns Gottes Liebe zu uns Menschen verkündet hat, sie uns in ganz menschlicher Gestalt vorgelebt hat bis dahin, dass er für uns gelitten hat und gestorben ist, und schließlich auferstanden ist von den Toten, um nun von Gottes Welt aus Herr über Lebende und Tote zu sein, haben wir um so mehr Grund, Gottes Gnade und damit unsere Erlösung fest zu ergreifen. Ist doch das, was an Weihnachten geschehen ist, nicht nur die anrührende Geschichte von einem Kind armer Leute, das unter ungewöhnlichen Begleitumständen in einem Stall geboren wurde. Es ist vielmehr der Ausdruck der ewigen Liebe unseres Gottes, der mit uns Menschen jeden Tag zu tun haben will so, wie es auch bei Leonard Cohen immer wieder angeklungen ist, und der den Seinen eine Geborgenheit schenkt, die ewig dauert.

 

 

Möge uns alle gerade dieses Wissen um die ewige Liebe unseres Gottes zu einer frohen und gesegneten Advents- und Weihnachtszeit helfen.
 
 

 

KIRCHE_rot-176-240

 

 

 

 

 

 

Ihr Pfarrer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Vorwort

E v a n g e l i s c h e    K i r c h e n g e m e i n d e    N i e f e r n