Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

 

 

 

 

 

 

 

haben Sie heute schon Ihr Geld gezählt? Manchmal ist das ja notwendig. Schließlich wäre es uns allen unangenehm, wenn wir plötzlich beim Bäcker unsere Brötchen nicht bezahlen könnten.
Trotzdem: wenn Sie wirklich alles dazu tun wollen, um mit Ihren Mitmenschen gut auszukommen, dann sollten Sie Ihr Geld und alles, was damit zusammenhängt, so weit wie möglich vergessen.
Zahlreiche Forschungsergebnisse haben gezeigt, was wir vielleicht schon immer vermutet haben, nämlich: Wenn wir an Geld denken, werden wir unsozialer in unserem Verhalten. Und was das Schlimmste und das Unheimlichste dabei ist: Das geschieht, ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.

 

Pf-Goetz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pfarrer Mathias Götz

 

Der Gedanke an Geld macht unsozialer

So wurden beispielsweise einer Versuchsgruppe Wörter gezeigt, die etwas mit Geld zu tun hatten. Einer zweiten Gruppe wurden Bilder gezeigt, auf denen beispielsweise ein Stapel Geld aus einem Monopoly-Spiel zu sehen war oder ein PC, der als Bildschirmschoner Geldscheine zeigte, die auf dem Wasser trieben. Einer dritten Versuchsgruppe wiederum wurden weder solche Wörter noch solche Bilder gezeigt.
Kurz darauf wurde auf subtile Weise getestet, wie sich diese Impulse auf das Verhalten der Versuchspersonen ausgewirkt hatten. So ließ der Experimentator anscheinend versehentlich ein Bündel mit Bleistiften fallen. Ergebnis war: von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die – wohl in den meisten Fällen nur noch unbewusst – an Geld dachten, hoben deutlich weniger die Bleistifte auf als von denen, die man vorher nicht in irgendeiner Weise auf den schnöden Mammon aufmerksam gemacht hatte. Der (unbewusste) Gedanke an Geld hatte also unsozialer gemacht.

Das gleiche Ergebnis zeigte sich, als andere Teilnehmende von einem augenscheinlich hilflosen Mann gefragt wurden, ob sie ihm bei einer Aufgabe helfen könnten: Auch hier waren diejenigen, die vorher nicht mit dem Thema „Geld“ in Berührung gekommen waren, deutlich hilfsbereiter.
Schließlich wurde Teilnehmerinnen und Teilnehmern an diesem Experiment gesagt, sie würden jetzt anschließend eine Person kennenlernen, mit der sie ein Gespräch unter vier Augen führen sollten. Sie sollten dafür schon einmal zwei Stühle für sich und für diese Person bereitstellen. Anschließend wurde der Abstand der bereitgestellten Stühle gemessen. Ergebnis war, dass diejenigen, deren Gedanken vorher auf „Geld“ ausgerichtet worden waren, die beiden Stühle viel weiter auseinander stellten als diejenigen, bei denen das nicht geschehen war. Der unbewusste Gedanke an Geld erhöhte also von vornherein die Distanz zu der erwarteten Person.
 
Alles, dem wir begegnen, beeinflusst uns

Was dieses Experiment zeigt, geht freilich weit hinaus über das Thema „Geld“ und seine oft noch mehr unbewussten als bewussten Auswirkungen auf unser Empfinden, Denken und Handeln. Es wird hier vielmehr beispielhaft deutlich, was wir im Prinzip wohl alle wissen, was wir uns aber viel zu wenig bewusst machen, nämlich: Alles, dem wir begegnen, beeinflusst uns, prägt vor allem unser Unterbewusstsein, steuert uns dann dadurch in nicht geringem Maße. Alleine wegen dieser Tatsache werden ja jedes Jahr Milliarden für Werbung ausgegeben: Nicht, weil wir uns dann bewusst für ein bestimmtes Produkt entscheiden würden, vielleicht eine bestimmte Automarke, sondern vor allem deshalb, weil eine Art positive Grundstimmung in uns erzeugt wird für dieses Produkt. Wir fühlen uns irgendwie gut, wenn wir dann gerade dieses Auto sehen. Wir sind ohne nachzudenken davon überzeugt, dass uns gerade dieses Auto vielleicht besonders sportlich und attraktiv erscheinen lässt, wenn wir es denn nur besitzen würden. Oder dass es so zuverlässig ist, dass wir jahrelang damit fahren könnten, ohne dass wir Ärger mit Reparaturen bekommen. Und irgendwann greifen wir dann eben auch zu genau bei dem Produkt, für das durch die Werbung in uns diese positivste Grundstimmung erzeugt worden ist. Jedenfalls dann, wenn wir es uns leisten können und wenn wir etwa die anderen Familienmitglieder auch von unserer Meinung überzeugen können. Was unser Verhalten in ganz hohem Maße bestimmt, das ist also die „Grundstimmung“, die in uns im Hinblick auf ein bestimmtes Produkt und überhaupt im Hinblick auf eine bestimmte Sache erzeugt worden ist, ganz egal, ob es dabei um ein Auto geht oder um unser Lieblingsgetränk oder um unsere Freizeitinteressen oder was auch immer.
 
Was wir immer wieder hören, halten wir schließlich für richtig

Durchaus erschreckend ist dabei auch folgendes: Es hat sich gezeigt, dass zu dieser positiven Grundstimmung auch in ganz hohem Maße beiträgt, ob uns eine Sache vertraut vorkommt oder nicht. Einerseits beruht darauf auch die Wirkung der Werbung: Je öfter uns eine Werbung „trifft“, desto wirkungsvoller ist sie. Aber weil wir Vertrautes eher für „richtig“ halten als Unbekanntes, ist es auch eine durchaus effektive Methode, falsche Aussagen ständig zu wiederholen. Denn nach einiger Zeit werden sie eben doch von immer mehr Menschen für wahr gehalten, weil sie ihnen vertraut sind. So wird von einer steigenden Zahl von Menschen die eigentlich absurde Aussage für wahr gehalten „die Körpertemperatur eines Huhns beträgt 60°“, wenn man diese Behauptung nur immer wieder wiederholt. Denn irgendwann klingt diese Aussage vertraut. Und unser Gehirn neigt dazu, Aussagen, die uns vertraut sind, auch ganz automatisch als „richtig“ einzuordnen.
Dieser Effekt erklärt übrigens auch, weshalb etwa in totalitären Staaten wie Nordkorea viele Menschen der ebenso echten wie tiefen Überzeugung sind, sie lebten dank ihres großen Führers oder dank der führenden Partei in der besten aller möglichen Welten: Es ist diesen Menschen eben so lange durch gezielte Propaganda nahe gebracht und vertraut gemacht worden, bis es von ihnen als feststehende Tatsache empfunden wurde.
Was diese Mechanismen bedeuten im Hinblick auf Meinungsmache auch bei uns bis hin zur Verbreitung von „fake news“, können wir uns alle an den Fingern abzählen: Es muss eine falsche oder jedenfalls einseitige Sicht nur lange genug wiederholt und verbreitet werden und umgekehrt die gegenteilige Sicht möglichst weitgehend verschwiegen und unterdrückt werden, dann finden sich schon bald genug Menschen, die diese falsche oder völlig einseitige Sicht für absolut wahr halten.
 


Wir können etwas tun gegen die Manipulation unseres Denkens

Wenn man sich alle diese psychologischen Mechanismen vor Augen hält, die prinzipiell in jedem Menschen ablaufen, auch in uns, dann kann es einem manchmal schon angst und bange werden. Es stellt sich ja durchaus die Frage: Sind wird denn schutzlos allen Manipulationen ausgesetzt? -
Zum Glück doch nicht ganz. Zwar können wir unbewusste Beeinflussungen nicht vermeiden. Wir können aber, so schwierig und so psychisch anstrengend das auch oft sein mag, bewusst unseren Verstand einschalten – und ihm im Zweifelsfalle mehr Vertrauen schenken als unseren dumpfen Gefühlen.
Vor allem aber: Es liegt auch an uns selber, welchen Einflüssen wir uns überhaupt aussetzen. Hier liegt der wichtigste Hebel dafür, dass wir wirklich freie und selbstbestimmte Menschen bleiben: Wer sich Tag und Nacht mit Werbung berieseln lässt, wer sich einseitig etwa im Internet von anscheinend Gleichgesinnten über die Vorgänge in der Welt informieren lässt, wer sich vielleicht sogar ganz überwiegend in Kreisen bewegt, in denen schräge und absurde Meinungen vertreten werden – der wird am Ende auch eine ziemlich abstruse Sicht auf die Welt entwickeln, auf die Menschen, auf sich selber.
Vor allem: er wird vieles von der Wirklichkeit gar nicht mehr mitbekommen, weil er gefangen ist in einer weitgehend virtuellen Scheinwelt.
 
Es fehlt in unserem Land oft an wiederkehrenden Impulsen des Glaubens

Was wir auf uns einwirken lassen, das prägt uns, so oder so, ob wir es wollen oder nicht. Und spätestens an dieser Stelle werden all die beschriebenen Einsichten nun auch wichtig im Hinblick auf die Grundfragen unseres Lebens. Und es wird auch verständlich, weshalb der christliche Glaube und überhaupt die Frage nach Gott, nach einer letztgültigen Wahrheit, nach der Möglichkeit, ewiges Leben zu bekommen, jedenfalls auf den ersten Blick in den letzten Jahrzehnten in unserem Land an Bedeutung verloren haben.
Es ist nämlich durchaus nicht so, dass all dies nicht mehr da wäre in den Menschen. Fast alle Menschen ahnen in ihrem Herzen etwas davon, dass es einen Gott gibt, der uns ins Dasein gerufen hat, der uns kennt und sieht, vor dem wir am Ende einmal stehen werden. Und jedenfalls auch sehr viele, die man niemals in der Kirche sieht, halten es dann doch jedenfalls für gut möglich, dass die Frohe Botschaft von Jesus Christus, von der sie in Kindheit und Jugend etwas mitbekommen haben, richtig sein könnte. - Nur: es fehlen die immer wiederkehrenden Impulse, um diese Vermutungen und Ahnungen zu einem festen und täglich tragenden Vertrauen auf den dreieinigen Gott werden zu lassen. Gott und Gottes Liebe werden insofern „vergessen“, als sie vielleicht in der Theorie noch für wahr gehalten werden, aber faktisch aus dem Leben ausgeblendet sind – und manchmal dann auch noch die für eine Christin und einen Christen selbstverständlichen moralischen Werte.
Das Ganze lässt sich vergleichen mit der Festplatte auf unserem Computer: Der Glaube – sozusagen die Software, das Programm – ist durchaus aufgespielt und abgespeichert. Aber das beste Programm auf dem Computer hilft nichts, wenn wir es nicht nutzen. Ein ungenutztes Programm verliert in der Praxis für uns immer mehr an Bedeutung. Und vielleicht vergessen wir es irgendwann sogar, dass dieses Programm da ist. Oder es braucht zumindest irgendein ungewöhnliches Ereignis, damit wir es wieder neu „entdecken“ und verwenden und den „Segen“ dieses Programms auch nutzen.
 
Feste Glaubensgewohnheiten halten uns fest bei Gott
 

 

 

Aber eben: wir haben es durchaus selber in der Hand, ob wir Gottes Liebe mehr oder weniger „vergessen“ oder ob wir sie für uns „nutzen“. Und was uns am meisten dabei hilft, mit dem dreieinigen Gott als der mächtigsten Macht, die es überhaupt gibt, unser Leben zu führen und auf die Ewigkeit hin bei unserem Gott; was uns am meisten hilft, die Güte unseres Herrn Jesus Christus immer wieder zu erfahren - das ist schlicht und einfach: Dass wir uns immer wieder an diese rettende und heilvolle Wirklichkeit erinnern lassen; dass wir uns immer wieder selber daran erinnern; dass wir die Verbindung zu unserem Gott regelmäßig „pflegen“.
Deshalb tut es uns – und die meisten Menschen wissen das eigentlich auch - mehr als gut, wenn wir regelmäßig den Gottesdienst besuchen. Es hilft uns, wenn wir regelmäßig selber in Gottes Wort lesen; wenn es beispielsweise einfach zu unserem Tagesablauf dazu gehört, dass wir Losung und Lehrtext aus dem Losungsbuch der Herrenhuter Brüdergemeine lesen und uns dann die Zeit nehmen, um vor Gott still zu werden.
Feste Gewohnheiten wie etwa das Gebet nach dem Aufstehen oder vor dem Essen oder abends, wenn wir zu Bett gehen, lassen uns erst gar nicht herausfallen aus unserer Verbindung zu Gott und zur „himmlischen“ Welt. Und deshalb ist es zu unserem eigenen Wohl, wenn wir solche Gewohnheiten zum festen und täglichen Ritual machen.
So wird schon über das Leben der ersten Christinnen und Christen berichtet:
 
Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.
(Apostelgeschichte 2,42)
 
Es ist nicht so, dass der allmächtige Gott unsere tägliche Aufmerksamkeit brauchen würde. Aber indem wir feste Gewohnheiten in unserem Alltag einplanen, die uns mit Gott in Verbindung bleiben lassen, tun wir uns selber etwas Gutes. Denn wir sorgen auf diese Weise dafür, dass Gottes Wirklichkeit als Grund und Ziel allen Seins und auch unseres eigenen Lebens ihre Bedeutung für uns nicht verliert. Wir sorgen dafür, dass wir niemals - und ohne dass wir es wollen - wegdriften von der Liebe und Zuwendung unseres Gottes. So wie die ersten Christinnen und Christen sorgen wir dann vielmehr dafür, dass wir jetzt und für immer geborgen bleiben bei unserem Herrn und Erlöser Jesus Christus. - Und mit weniger an Lebensqualität sollen und brauchen wir uns nicht zufrieden geben.
 
In diesem Sinne wünsche ich uns allen frohe und gesegnete Frühlings- und Sommertage, bewusst gelebt mit unserem Gott und unter seinem reichen Segen

 

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Ihr Pfarrer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Vorwort

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

E v a n g e l i s c h e    K i r c h e n g e m e i n d e    N i e f e r n