Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

 

 

 

 

 

 

 

geht es uns nicht allen so: eigentlich halten wir uns für moralisch recht gute Menschen? Deshalb sind wir ja auch so entsetzt darüber, wie schlimm es in der Welt zugeht: Nicht nur, dass etwa im Nahen Osten oder in manchen Ländern in Afrika Gewalt und Unrecht regieren. - Zu-tiefst sind wir davon überzeugt, dass wir selber uns niemals zu solchem unmenschlichen Verhalten würden hinreißen lassen. Und zutiefst er-schrocken sind wir auch darüber, wie etwa Autokonzerne schamlos bei Tests betrogen und Abgaswerte manipuliert haben. Oder wir verstehen nicht, wie „die da oben“ aus unserer Sicht so rücksichtslos Politik ma-chen können, angefangen beim amerikanischen Präsidenten.
Zahlreiche Medien leben geradezu davon, dass sie uns vorführen, wie schrecklich Menschen sind - sei es angeblich, sei es wirklich. Es ist ja auch durchaus ein nicht geringes geschäftliches Interesse, das dahinter steht. Und es funktioniert eben deshalb, weil wir bewusst oder unbe-wusst davon ausgehen: So unmoralisch und verdorben wie die sind wir selber nie und nimmer.
Vielleicht sollten wir etwas vorsichtiger sein! Gibt es doch zahlreiche Belege dafür, dass unser menschliches Verhalten auch immer in starkem Maße geprägt wird von den Umständen, unter denen wir gerade leben. So hält uns ja schon ein Blick in unsere deutsche und europäische Geschichte nachdrücklich vor Augen, dass kein Volk auf der Welt von vornherein davor geschützt ist, Unmenschliches zuzulassen und zu tun. Unser Verhalten wird nämlich in ganz starkem Maße bestimmt von un-serem Umfeld, gerade auch von der Art und Weise, wie die Menschen um uns her agieren, vor allem auch von der Rolle, die wir innehaben und die von uns erwartet wird.

 

Pf-Goetz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pfarrer Mathias Götz

 

Es gibt dazu einige höchst aufschlussreiche Experimente. Eines der desillusionierendsten davon wurde schon in den siebziger Jahren ge-macht. Damals wurde am Psychologischen Institut der Stanford-Universität in Kalifornien, einer der renommiertesten Universitäten der Welt, im Keller ein Pseudo-Gefängnis eingerichtet. Dann wurden von 71 Bewerbern 21 Kandidaten ausgewählt, die sich bei psychologischen Tests als die gesündesten und normalsten erwiesen hatten. Anschließend wurde die Gruppe willkürlich aufgeteilt in Gefängniswärter und Gefängnisinsassen. Die Wärter erhielten Uniformen und Sonnenbrillen. Dann holten sie diejenigen, die die Verbrecher spielten, zu Hause ab. Sie legten ihnen Handschellen an, brachten sie aufs Polizeirevier, be-schuldigten sie irgendwelcher ausgedachter Verbrechen, nahmen Fin-gerabdrücke und brachten sie dann in die vorbereiteten „Gefängniszel-len“ im Keller des Psychologischen Instituts. Dort erhielten die Gefan-genen Sträflingskleidung mit Nummern auf Brust und Rücken. Die „Wächter“ mussten sie nun bewachen und dabei sorgsam darauf achten, dass nichts außer Kontrolle geriet.
Was sich nun entwickelte, war durch und durch schockierend: Schon in der ersten Nacht zwangen die Wärter, von denen sich einige vorher so-gar als überzeugte Pazifisten bezeichnet hatten, die Gefangenen zu Lie-gestützen und dazu, dass sie sich an der Wand aufstellten. Später ließen sie sie willkürliche Arbeiten verrichten. Als die Gefangenen am zweiten Tag rebellierten, schlugen die Wärter zurück, indem sie die Häftlinge nackt auszogen, sie mit Feuerlöschern besprühten und den Anführer der Rebellion in Einzelhaft nahmen. Es folgten weitere Erniedrigungen. Schließlich musste nach anderthalb Tagen der erste Häftling entlassen werden, weil er die Situation psychisch nicht mehr verkraftete. Andere folgten bald danach. Nach sechs Tagen musste das ganze Experiment, das ursprünglich auf zwei Wochen angelegt war, abgebrochen werden.
In der anschließenden Auswertung dessen, was sie erlebt hatten, gaben mehrere „Gefängniswärter“ zu Protokoll, dass sie sich selber nicht er-klären konnten, wie menschenverachtend sie sich in ihrer Rolle verhalten hatten. Sie seien von der Aufgabe, ja nicht die Kontrolle über die „Gefangenen“ zu verlieren, einfach mitgerissen worden. Deutlich wur-de: auch gutwillige, völlig „normale“ Zeitgenossen, die sich unter nor-malen Umständen nie etwas hätten zuschulden kommen lassen, waren plötzlich zu brutalen Unterdrückern geworden.

Die Schlussfolgerung der Psychologen aus diesem Experiment lautete: Wir Menschen stehen immer in der Gefahr, dass uns die Umstände, un-ter denen wir leben, und die Rolle, die wir einnehmen, so bestimmen, dass wir auch Böses tun, obwohl wir es normalerweise niemals tun würden. Es steckt also etwas in uns Menschen, das sich zur Unmensch-lichkeit hinreißen lässt, selbst dann, wenn wir das kaum für möglich halten. Man kann das Ganze unschwer auch als Bestätigung der bibli-schen Aussage verstehen, dass wir Menschen alle „Sünder“ sind, also unvollkommen, egoistisch, auch mit bösen Veranlagungen in uns.

Wie sehr nicht nur das, was wir „normalerweise“ meinen und wollen, unser Verhalten bestimmt, sondern auch die jeweilige Situation, wurde in zahlreichen weiteren Experimenten nachgewiesen. So mussten Schü-ler einen Test absolvieren, bei dem sie streng beaufsichtigt wurden, so dass es nicht möglich war zu schummeln. Dann wurde der Test mit einer Kontrollgruppe durchgeführt, bei der es nur eine oberflächliche Aufsicht gab. Ergebnis war, dass viele die Möglichkeit zum Schummeln nutzen, so dass der Test um 50% besser ausfiel. Zahlreiche andere Ver-suchsanordnungen, bei denen etwa das vorgegebene Zeitlimit von den Aufsichtspersonen nicht streng eingehalten wurde, bestätigten das grundsätzliche Ergebnis. Insgesamt schummelten intelligentere Kinder etwas weniger, Mädchen nicht mehr und nicht weniger wie Jungs, Kin-der aus glücklichen Familien nicht ganz so oft wie solche aus unglückli-chen und labilen Familien und ältere Kinder etwas mehr als jüngere. Aber die grundsätzliche Erkenntnis war immer dieselbe: Wo die äußeren Umstände es möglich machen oder sogar geradezu dazu einladen, da wird auch unehrlich gehandelt, jedenfalls von vielen.

Dass äußere Umstände, oftmals verbunden mit dem, was andere von uns erwarten, unser Verhalten mehr bestimmen als das, was wir eigent-lich mit unserem Verstand wollen, wenn wir klar überlegen, wurde auch an folgender Geschichte deutlich: Mit einer Gruppe von Theologiestu-denten wurde ausführlich über das Gleichnis vom „Barmherzigen Sa-mariter“ gesprochen, über jene Geschichte also, in der Jesus deutlich macht, dass die pure Not eines Menschen dazu animieren sollte, ihm nach Kräften zu helfen. Anschließend wurden die Studenten einzeln in ein anderes Gebäude geschickt, wo sie ein Professor zum Gespräch er-wartete. Einem Teil der Studenten wurde vorher gesagt, dass man sich leider etwas verspätet habe, und dass dieser Professor schon ungeduldig sein könnte. Es gelte also, sich zu beeilen. Einem anderen Teil der Stu-denten wurde die Information gegeben, dass man ganz gut in der Zeit liege, dass sie also in aller Ruhe zum anderen Gebäude gehen könnten.
Auf den Weg hatte man einen Mann gelegt, der offensichtlich zusam-mengebrochen war und Hilfe brauchte, gerade so wie der ausgeraubte und zusammengeschlagene Mann im Gleichnis vom „Barmherzigen Samariter“. Eigentlich hätte man nun erwartet, dass sich alle diese Stu-denten hochmotiviert von dem, was sie kurz zuvor in diesem Gleichnis Jesu ausführlich gehört und besprochen hatten, um diesen Hilfebedürf-tigen kümmern würden. Die Praxis aber sah ganz anders aus, und zwar deshalb, weil die äußeren Umstände für das Verhalten des einzelnen viel entscheidender waren. So half von denen, die angeblich unter Zeitdruck waren, weil der Professor im anderen Gebäude schon ungeduldig auf sie wartete, nur etwa jeder Zehnte dem anscheinend Verletzten. Von denen, die es angeblich nicht besonders eilig haben mussten, waren es immerhin zwei Drittel.
Also auch hier wieder das Ergebnis: Was von uns erwartet wird – dass wir möglichst schnell im anderen Gebäude sind – und überhaupt die Situation beeinflusst unser Tun oft mehr als das, was wir für unsere Grundüberzeugung halten. Im Sprichwort heißt das, ins Negative ge-wendet: „Gelegenheit macht Diebe“. Man kann es auch genauso gut ins Positive wenden und formulieren: „Gelegenheit macht auch Heilige“.

Dass die Erwartung der anderen und die Rolle, in der wir angeblich ge-sehen werden, unser Verhalten so stark prägen, hat sich übrigens auch die deutsche Polizei bei der Fußballweltmeisterschaft 2006 zunutze ge-macht. Damals befürchtete man Ausschreitungen der berüchtigten eng-lischen Fußball-“Fans“, der sogenannten Hooligans. Nun verbreitete die deutsche Polizei in den Tagen vor der Weltmeisterschaft die Nachricht: Man freue sich auf die englischen Fans, da diese ja bekannt seien für ihr nobles, faires und friedliches Verhalten. Es wurde also den englischen Fans - wider besseres Wissen - eingeredet, dass sie doch besonders friedfertig seien. Und es half. Nirgendwo kam es zu Auseinandersetzun-gen. Das reichlich gewagte Selbstbildnis, das man ihnen vermittelt hatte, dass sie sich nämlich in einem fremden Land allesamt als vorbildliche Gäste verhalten würden, hatte gewirkt.

Alle diese Beispiele halten uns vor Augen, dass wir diese eine Frage – bewusst und unbewusst – immer wieder beantworten müssen: Wer bin ich eigentlich im Kern meiner Person? Welche Rolle kommt mir grund-legend zu? Inwieweit lasse ich mich bestimmen von den äußeren Um-ständen? Von der Rolle, in der ich mich sehe, in der mich andere sehen, in die ich vielleicht auch gedrängt werde?
Darüber, wer und was wir als getaufte und glaubende Christinnen und Christen im Kern sind, heißt es im 1.Johannesbrief, Kapitel 3, Vers 1:

Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kin-der heißen sollen – und wir sind es auch!

Alle Gebote und Weisungen Jesu aber und alle Ermahnungen, die etwa in den Briefen des Neuen Testamentes ausgesprochen werden, sind so zu verstehen, dass sie uns zu einem Verhalten ermutigen und auffordern, das eben dieser und keiner anderen „Rolle“ entspricht: Wir sind Kinder Gottes!
Aber da wir nun einmal in der Gefahr stehen, dass wir dies, dass wir doch Kinder des liebenden, dreieinigen Gottes sind, immer wieder ganz schnell vergessen, jedenfalls wenn es um unser Reden und Verhalten in ganz konkreten Situationen geht, deshalb ist es notwendig, dass wir uns diese grundlegende Wahrheit immer wieder bewusst machen: Wir sind als Kinder Gottes Menschen, die von Gott geliebt sind und zu ihm gehören in Zeit und Ewigkeit. Und damit sind wir auch Menschen, zu deren Würde es gehört, dass wir wie Kinder Gottes reden und uns entsprechend verhalten.

Wir sind ja im Jahr des Reformationsjubiläums, das deshalb gefeiert wird, weil am 31.Oktober 1517 Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche von Wittenberg angeschlagen hat. Bemerkenswert ist, dass schon gleich die 1.These ganz im Sinne des oben Ausgeführten an die Erkenntnis anknüpft, dass wir Menschen uns immer wieder neu ausrichten müssen auf unseren Gott hin, wenn wir denn unser Leben recht führen wollen. Deshalb heißt es:

„Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: Tut Buße etc., will er, dass das ganze Leben seiner Gläubigen auf Erden eine (stete) Buße sei.“

 

 

Es geht also darum - so Martin Luther - dass wir immer wieder Gott su-chen, nach dem fragen, welches Reden und Tun für uns als Kindern Gottes angemessen ist, und dass wir daran orientiert unser Reden und Tun gegebenenfalls auch ändern. Nichts anderes meint Martin Luther hier mit dem Begriff „Buße“. Und gerade, weil wir uns immer wieder von unserem Umfeld und von der Rolle bestimmen lassen, in der wir uns bewegen, ist es so wichtig, dass wir uns immer wieder selber im Lichte Gottes sehen.

An dieser Stelle wie auch an vielen anderen erweisen sich die Einsichten Martin Luthers und die der anderen Reformatoren - jenseits aller „Luther-Folklore“, in der sich die Feier des Jubiläumsjahr auch in der Kirche oftmals erschöpft - als viel aktueller, als viele auf den ersten Blick vermuten würden. Denn viele der Erkenntnisse von damals wirken auf unsere heutige Zeit nach und bestimmen uns bis heute. Dem werden wir auch nachgehen im Rahmen unseres diesjährigen Podiumsgesprächs in der nun schon „14.Langen Nacht der Kirche“ am Samstag, den 16.September 2017 um 19.30 Uhr, wie immer in der Nieferner Kirche. Als Gäste auf dem Podium werden wir dazu begrüßen Herrn Dekan Dr. Christoph Glimpel, Frau Bürgermeisterin Birgit Förster und Herrn Jeff Klotz, den Leiter des Römermuseums in Wilferdingen, der anschließend auch noch eine Kirchenführung bei Dunkelheit durchführen wird. Wir laden jetzt schon ganz herzlich zu dieser „14.Langen Nacht der Kirche“ ein, ebenso zu dem gesamten Gemeindefest am 16./17.September.

Von Herzen wünsche ich uns frohe und gesegnete Spätsommerwochen, in denen wir uns immer wieder darüber freuen können, dass wir „Kinder Gottes“ sind, und in denen wir dieses Geschenk unseres Gottes immer wieder für uns ergreifen.

 

KIRCHE_rot-176-240

 

 

 

 

 

 

Ihr Pfarrer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

.

 

Vorwort

E v a n g e l i s c h e    K i r c h e n g e m e i n d e    N i e f e r n